Wie gut #Repression funktioniert: Beispiel Selbstzensur

Während die Regime in Nordafrika alles daransetzen das gegen sie revoltierende Volk an der digitalen Verbreitung von Informationen, Videos und Fotos zu hindern (vom lahmlegen des Internets bis zu gezielter Jagd auf Journalistinnen) sind die Repressionsbehörden in Österreich, genauer in Wien, weitaus subtiler. Dank der zunehmenden Angst vieler Aktivistinnen (ob #unibrennt, #noborder oder #nowkr) vor Verfolgung nach #278ff muss der Staat selbst nicht mehr eingreifen. Die Aktivistinnen zensurieren sich nämlich selbst.

Paradox. Während Aktivistinnen im Landesgericht Wiener Neustadt lautstark „Öffentlichkeit“ einfordern und sich nach dem Prozess, und dem Freispruch aller Angeklagten, bei den Medienvertretern dafür bedanken, dass ihnen das Schicksal der Tierschützer über drei Jahre nicht egal gewesen ist, wird ein Paar Kilometer nördlich, in Wien, die Pressefreiheit massiv eingeschränkt – nicht von Politik oder Polizei, sondern von einzelnen Organisationen und Aktivistinnen selbst.

Nachdem ich eine Woche zuvor, auf der #maydaywien, mit Stinkefinger dazu aufgefordert wurde, doch jede, die ich zu fotografieren wage, vorher zu fragen (bei 16 mm Brennweite beträfe dies in jenem Fall etwa 1500 bis 2000 Personen) wurde ich im Vorfeld der Gegendemonstrationen zum „Heldengedenken“ der Burschenschafter und ihrer Partei durch diverse Tweets von einer Teilnahme an dieser Veranstaltung erfolgreich abgeschreckt.

Abgesehen davon, dass ich nicht auf die Jagd nach Menschen gehen will (Burschis Jagen) bzw. mich für Menschen interessiere die vorhaben auf eine solche Jagt zu gehen, sehe ich nicht ein, warum ich auf einer öffentlichen Veranstaltung, die von Parteien und Organisationen, die in der Öffentlichkeit stehen, veranstaltet wird, Personen, die öffentlich ein legitimes Anliegen vertreten, gegen Faschisten und ewig Gestrige auf die (öffentliche) Straße gehen, fragen sollte, ob ich sie denn fotografieren dürfte und wenn ja, diese in jedem Fall vor der Veröffentlichung zu verunkenntlichen hätte, als wären diese irgendwelche Verbrecher und als würden diese, durch ihr antifaschistisches Engagement, etwas ungesetzliches machen.

Für etablierte Medien wie ATV, derStandard, ORF ist eine derartige Diskussion nicht einmal ein lächeln wert denn wenn sich diese überhaupt für Demonstrationen, Protest und Widerstand interessieren tun sie das einfach, und schaffen dadurch für die berechtigten Anliegen dringend notwendige öffentliche Aufmerksamkeit. Angesichts des bei jeder Demonstration mitfahrenden (und immer irgendwohin übertragenden) Kamerawagens der Polizei, den allseits bekannten Zivilpolizisten, Videoüberwachung, Kesselungen, Perlustrierungen, Vorratsdatenspeicherung und, wer weiß, möglichen Kolleginnen von „Danielle Durand“ halte ich es doch für eher unwahrscheinlich, dass genau eine Person die sich in einer von mir fotografierten Masse aufhält, deswegen, wegen des „sich in einer Menge Aufhaltens“, in irgendeiner Weise behördlich verfolgt wird. Die immer wieder herum geisternde AntiAntifa, gesehen habe ich die ja noch nicht – es steht aber jedem frei an sie zu glauben, greift sich Opfer nach dem Zufallsprinzip. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sich ein besoffener Nazischlägertrupp anhand von mir erstellten Fotos gezielt Personen aussucht, diese ausforscht und systematisch verfolgt.

„…und weil du fotos schiessen willst dürfen die andern keine kracher werfen?[sic]“ So die wohl ernst gemeinte Frage an einen Kollegen über Twitter. Abgesehen davon, dass es natürlich verboten ist, im Stadtgebiet Feuerwerkskörper zu zünden, ist es, egal von welcher Seite, eine zumindest versuchte Körperverletzung, einen solchen Gegenstand in eine Menschenmenge zu werfen. Also nein, nicht wegen der Fotos dürfen sie das nicht, sondern weil sie dadurch eine gefährliche Straftat begehen. Insofern erfüllt Medienpräsenz vor Ort in gewisser Weise auch eine Kontrollfunktion (Sowohl für die Polizei, und der Korrektheit ihres Einsatzes, als auch für die Demonstrantinnen selbst)

Eine Demonstration findet im öffentlichen Raum statt. Eine Demonstration will sich und der Öffentlichkeit zeigen, dass es einen bestimmten Missstand, ein Unrecht oder eine bestimmte Notwendigkeit gibt, auf die öffentlich hinzuweisen ist und ohne diese (Demonstration) das Anliegen nicht wahrgenommen werden würde. Es gibt in Österreich kein Recht auf das eigene Bild. Genauso wenig ist man als Fotograf verpflichtet auf öffentlichen Veranstaltungen, mit öffentlichem Interesse, jemanden um Erlaubnis zu fragen. Es handelt sich ja um eine Demonstration und keine private Gartenparty. Wer mir, zum Beispiel mit der Hand vor seinem Gesicht, zu verstehen gibt, dass sie nicht fotografiert werden will, die versuche ich in der Regel auch nicht zu fotografieren, zumindest nicht direkt und im Bild dominierend.

Ich bin sehr Sorgfältig bei der Veröffentlichung meiner Fotos. Es liegt in keinster Weise in meinem Interesse dass einer friedlichen Demonstrantin durch meine Fotos irgendein Nachteil entsteht. Im übrigen fotografiere ich keine Straftaten. Das macht die Polizei. Wer allerdings glaubt er könnte auf einer Demonstration mit der Ausübung von Gewalt (gegen wen auch immer) irgendetwas für seine Sache förderliches erreichen ist weder Demonstrant, noch Demonstrantin sondern einzig und alleine ein blödes Arschloch.

So entschied ich mich also, die Demonstrationen gegen das „Heldengedenken“ am Ring bzw. Heldenplatz zu spritzen und verbrachte den Abend, Boboesk, am Karlsplatz beim #popfest. Glücklicherweise waren andere Fotografen nicht so dünnhäutig wie ich und daher gibt es hervorragende (unzensierte) Fotos von:

Martin Juen (Fotos vom Heldenplatz bei den Burschenschaftern)

Philipp Breu (Fotos von der Gegendemonstration und dem Polizeihundeeinsatz am Schottentor)

VIDEO von WienTV.org: Eskalation am Schottentor

Bericht auf nochrichten.net

Bericht vonFMO

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Kameramensch, Arschloch?!  auf at.indymedia.org

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